Gute Worte für viele Seiten

Ich kann mich für fast jedes Thema begeistern und dabei Fakten und Zusammenhänge in journalistisch sachlicher Weise darstellen, gern aber auch auf literarisch kreative Art. Von mir wurden zahlreiche Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Hier zwei Leseproben:

Eifersucht in Argentinien
erschienen in: "Freundin", 10/2006

Als Tangotänzerin hatte ich über die argentinische Eifersucht immer ein klares Bild im Kopf: Argentinier werden schon als Melancholiker geboren, und wenn der Partner mit wem auch immer durchbrennt, trösten sie sich mit den schrecklich schönen Melodien ihrer Tangos. Ich glaube, es gibt sogar argentinische Männer, bei denen sich dieses Klischee bestätigt. Aber eins habe ich in Argentinien gelernt: Die moderne argentinische Frau ist definitiv anders. Niemals würde sie sich mit vollgeweinten Taschentüchern begnügen, wenn ihr Partner einen Fehltritt wagt. Argentinische Frauen verteidigen ihre Beziehung wie die Löwin ihr Baby. So zumindest bekam ich es in einem Badeort in Patagonien zu spüren. Schon als ich mich allein an einen Strand legte, schien sich eine Aura des Tabus um mich zu bilden. Dabei trugen die argentinischen Damen viel weniger Bikini als ich. Doch reagierten sie sofort gereizt, wenn sich ein männlicher Blick zu mir verirrte. Der einzige Mensch, der mit mir plauderte, war der Kellner eines schlecht gehenden Restaurants. Aus reiner Solidarität ging ich jeden Abend in sein leeres Lokal. Als ich am letzten Tag einen Schnappschuß von ihm machte, starrte er mich entsetzt an und verschwand dann fluchtartig hinter der Küchentür. Fünf Sekunden später erschien eine Frau und schrie auf mich ein: „Du kannst hier alles fotografieren, die Decke, den Fußboden, das Essen, alles, aber nicht meinen Mann.“
Ich wußte nichts von diesem Foto-Verbot, ich wußte noch nicht mal, daß der Kellner eine Frau hatte. „Pardon“, sagte ich trotzdem. Wortlos ließ sie mich stehen. Das Restaurant blieb von feindseliger Leere erfüllt, bis ich mein Geld auf den Tisch legte und das Feld auf ewig räumte. Mag sein, daß die Sitten auf dem Land besonders hart sind, aber auch in der hochmodernen Stadt Buenos Aires bekam ich die ungeschriebenen Gesetze der Eifersucht zu spüren. Sie reichen bis über das Ende einer Beziehung hinaus. Man kann z.B. mit einer befreundeten Frau in einer Bar sitzen und plaudern. Plötzlich taucht der Ex auf und sie verläßt ohne Erklärung das Lokal. Das sei die beste Psycho-Hygiene, erklärte sie dann am nächsten Tag. Auf meine Bemerkung, ich würde keinen Sinn darin sehen, meinen Ex-Freund zur „Persona non grata“ zu erklären, bekam ich zur Antwort, ich sei eben Deutsche. Ich denke zuviel. Ein Mann erklärte mir, die argentinischen Frauen fühlten sich so sicher, weil sie die größere Auswahl hätten. Bis heute ist das Einwanderungsland vom Männerüberschuß geprägt. Tango wurde ursprünglich auch zwischen Männern getanzt, die sich gegenseitig die fehlenden Frauen ersetzten. Männer im heiratsfähigen Alter mußten sich in Argentinien also schon immer ziemlich ins Zeug legen. Nirgends hört man so viele gute „Piropos“ wie in den Straßen von Buenos Aires. Originelle und zum Teil hochpoetische Komplimente, die einer Frau im Vorübergehen ins Ohr geflüstert werden. Doch die Schlußfolgerung für die eroberte Frau lautet: Wer einen solchen Charmeur heiratet, hat gute Gründe zur Vorsicht. Am besten, der Mann kommt gar nicht erst auf andere Gedanken. Die melancholischen argentinischen Männer sind sehr schönheitsbewußt. Und so investieren ihre Frauen einiges, um ihre Attraktivität für den Gatten zu erhalten. In kaum einer Stadt gibt es so viele Beauty-Shops wie in der argentinischen Hauptstadt. Nagel- und Kosmetik-Studios zelebrieren ihren Dienst an der Schönheit hinter Panorama-Scheiben. Wer will, kann sich bei der Pediküre von den Passanten bewundern lassen. Aber auch weniger geltungsbedürftige Frauen finden in Buenos Aires wunderbare Orte zum Wohlfühlen. In der quirligen Innenstadt verstecken sich traumhaft schöne Jugendstil-Cafés, lauschige Innenhöfe und natürlich die Tango-Salons, die im Gold vergangener Zeiten glänzen. Um die Eifersucht der Argentinierinnen zu lindern, hilft übrigens ein Trick. Ein Ehering, ob echt oder Attrappe, kann sie oft schon beruhigen.

Gebärstreik am Familien-Eck
erschienen in: Hamburger Kneipenbuch, Berlinverlag, 2007

Als ich vor einigen Jahren nach Hamburg Ottensen zog, war es ganz einfach, die historische Bedeutung meiner neuen Heimat kennen zu lernen. Ein fleißiger Geschichtsverein hat überall Gedenktafeln und Glasvitrinen aufgestellt, um an die Traditionen des einstigen Industrieviertels zu erinnern. Zum Beispiel an die bahnbrechende Initiative von Alma Wartenberg. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Armut und Kinderreichtum das Leben der Ottensener Arbeiterfamilien auf Trab hielten, rief sie als erste Frau zum Gebärstreik auf. Mit ihrer Aufklärungskampagne zum Thema Verhütung zog sie unermüdlich durchs Viertel. Ihr zu Gedenken gibt es heute den Alma-Wartenberg-Platz. Ausgerechnet hier, am Platz der verdienstvollen Anti-Rezeptivistin steht das „Familien-Eck“. Aber es ist nicht, wie ich zuerst vermutete, der Zufluchtsort letzter zeugungswilliger Väter, die sich vom Geschrei ihres schlaflosen Nachwuchses erholen. Almas Kampagne hat in Ottensen reiche Früchte getragen. Das Familien-Eck zumindest ist definitiv ein Single-Treff. Wenn ich den Gesprächen der Stammgäste lausche, bekomme ich auch den Eindruck, daß das, was mit einem Gebärstreik der Frauen begonnen hat, sich als Zeugungsstreik bei den Männern fortsetzt. Manchmal stehe ich vor der Glasvitrine von Alma Wartenberg und frage sie, ob sie das wirklich gewollt hat: Einen Stadtteil voller Frauen und Männer im Fortpflanzungsstreik, die ihr brachliegendes Bindungspotential in Kneipen namens Familien-Eck ertränken. Aber Alma antwortet auf meine Fragen nur mit einem zeitlos geduldigen Lächeln. Wahrscheinlich wäre sie selbst ganz gern ins „Eck“ gegangen. Auf den ersten Blick sieht das „Familien-Eck“ einfach nur wie der Inbegriff der Spießigkeit aus. Öffnet man die Tür unterm Efeu-Vorhang betritt man eine dunkle Spelunke, deren Mobiliar aus Weinfässern, billigen Barhockern und hoch gebauten Sitzbänken besteht. Es gibt zwei Sorten Wein (rot und weiß) und Bier und Schnaps in der üblichen Auswahl. Eine Kneipe, wie man sie vielleicht schon vor hundert Jahren kannte. Doch auf den zweiten Blick sieht man sofort, daß etwas anders ist. Vielleicht sieht das „Eck“ sogar so aus, wie mir die Stammkneipe meines Vaters im Traum wieder erscheinen würde. In den schrägen Spiegeln unterhalb der Decke begegne ich meinem eigenen verlorenen, hungrigen oder lustvollen Blick, je nachdem. Über der Theke baumeln Lampions, die mich an nächtliche Feierlichkeiten meiner frühesten Kindheit erinnern. Und über uns allen steht der DJ. Mit den Füßen in Höhe der Theke, Beine und Oberkörper hinter einem schwarzen Vorhang verdeckt, schaut er über seinen Plattenteller auf uns herab wie der Gott eines Puppentheaters. Er wählt nicht das Allerneueste oder Allerbekannteste. Aber ich wette, fast jeder hat jeden Song schon mal irgendwo gehört. Ich traue diesem Mann sogar zu, daß er die vollständige Sammlung aller heimlichen Lieblingstitel der Ottenser Single besitzt. Manchmal lächelt er so still vor sich hin, als könnte er sehen, wie seine Musik in unsere alkoholdurchweichten Herzen dringt. Eine Nacht im Familien-Eck hat wie in jeder anderen Kneipe verschiedene Phasen. Zu Beginn, also gegen 22 Uhr, kann man sich noch relativ frei bewegen. Es gibt auch eine gute Chance, einen prominenten Vertreter des heutigen Szene-Dorfs Ottensen privat zu erleben. Schauspieler und Regisseure, die aus der Filmfabrik kommen oder von der Probebühne des Schauspielhauses. Auch Schriftsteller schauen vorbei, um das „Eck“ später in ihren Erzählungen zu verewigen. Im Laufe der Nacht wird es dann immer enger und für den ungeübten Besucher gefährlicher. Während Gott, der DJ, über alles sein gütiges Auge schweifen läßt, vermischen sich unsere Ausdünstungen, es wird heiß und vernebelt wie in einer Dampfsauna und ehe man sich’s versieht, geht einem das aufgeweichte Herz endgültig auf. Und wer weiß schon vorher, was da heraus kommt. Wenn’s glimpflich abgeht, ist es die unwiderstehliche Lust zu tanzen. Es könnte aber auch der dringende Wille zur totalen Offenbarung sein oder die urplötzliche Bereitschaft zur sofortigen und radikalen Liebe. Eine Zeit lang habe ich mich gefragt, warum es ausgerechnet dieser Ort sein muß, der die Gemüter verwandelt wie in einer Shakespeareschen Sommernacht. Die Straßen von Ottensen sind von Kneipen gesäumt - gläserne, marmorne, lederne, esoterische, kitschige und exotische Bars. Doch in den meisten verenden die Nächte spätestens gegen zwei Uhr an Müdigkeit und Langeweile. Wahrscheinlich läßt uns nichts so unbändig werden, so freiheitsdurstig und draufgängerisch wie der Mief, der uns an ein enges Wohnzimmer erinnert. Das „Eck“ allerdings ist viel zuverlässiger als es jede gute Stube sein könnte. Es hat immer dann auf, wenn man es am meisten braucht. Nachts um drei, wenn zu Hause ein leeres Bett droht oder wenn man vom Besuch in Hamburg keine Minute schlafend verpassen will. Spätestens bis fünf Uhr morgens haben sich die letzten Paare der Nacht gebildet und ziehen von dannen. Dann steigt Gott von seinem Podest herab und stößt mit jedem an, der nicht vom Fortpflanzungstrieb hinweg gezogen wurde. Wenn es draußen wieder hell wird, stellen die Kellner die Barhocker auf die Theke und wir verlassen das Familien-Eck, als hätten wir etwas Wichtiges geschafft. Vor uns tappsen die ersten Tauben über den historischen Backstein und Alma Wartenberg sieht mit selbstbewußtem Blick einem neuen Tag in ihrer Glasvitrine entgegen.